Frühlingserwachen

Ein feiner Lichtschimmer erhellte den Kaninchenbau im tiefen Wurzelgeflecht der alten Eiche und weckte Mecki aus seinem Winterschlaf. Blinzelnd öffnete er vorsichtig seine Augen. Er schaute sich um – er war alleine! Ich habe wohl verschlafen dachte er erstaunt. Mit einem Satz sprang er aus seinem warmen Lager und begab sich auf die Suche. Doch die Winterstätte war leer, niemand war zu sehen. Vielleicht sind alle schon zur großen Wiese gelaufen, dachte er. Dort trafen sich im Frühjahr alle Hasen um die Vorbereitungen für die große Ostereierfarbaktion zu besprechen.

Vor seinem Bau setzte er sich schnuppernd auf seine Hinterläufe. Irgendetwas war anders – ihm wurde etwas mulmig zumute. Die Luft roch kalt. Alles um ihn herum war grau und still. Kein Vogel zwitscherte am trüben Himmel, kein emsiges Treiben der Insekten war zu hören, es duftete auch nicht nach Weidekätzchen und den ersten Frühlingsblumen. Von seiner Hasenfamilie gab es auch keine Spur. Er machte sich auf und hoppelte zu den Bäumen, die ebenfalls noch ihr braunes Winterkleid trugen.
Er klopfte an eine Baumrinde, an der nächsten und übernächsten, doch niemand antwortete. „Weiß hier jemand, was los ist!“, rief er in den Wald.

„Was machst du denn für einen Krach, da kann doch niemand bei schlafen“, beschwerte sich eine dicke alte Buche hinter ihm. Mecki drehte sich schnell um, sah direkt in ein verärgertes Baumgesicht.
„ Schlafen?! Der Winterschlaf ist vorbei!“, rief er, „doch wo sind alle geblieben, alle Freunde, mein Familie? Auf euren Ästen wächst bisher nicht ein einziges Blatt – wir brauchen doch euer Grün um die Ostereier zu färben! Auch fehlen das Blau des Himmels, das Gelb der Sonne und die bunten Farben der Frühlingsblüten – alles ist grau und trist, so werden wir es nicht schaffen, bis Ostern alle Eier zu färben!“

„Frühling, was redest du, wir haben doch Winter! Lass mich weiter schlafen“, erwiderte die Buche mürrisch. Wie zur Bestätigung ihrer Worte begann sie leise vor sich hin zu schnarchen.
Verdutzt verharrte Mecki. Winter? – nein, das konnte nicht sein! Panik stieg in ihm auf. Was war nur geschehen? Wenn noch Winter war, was machte er dann hier. Wo war seine Familie? Aus dunklen Wolken fielen plötzlich viele weiß glitzernde Flocken, tanzend im eisigen Wind. Fröstelnd versuchte er zu verstehen, doch plötzlich fühlte er sich ganz alleine auf der Welt.

Warme Sonnenstrahlen kitzelten Meckis Nase, und er musste einmal kräftig niesen. Mit einem Ruck saß er in seinem Bett. Erschrocken schaute er in das Gesicht seiner Mutter. „Hattest du einen schlechten Traum?“, hörte er sie liebevoll fragen. EIN TRAUM! Gottseidank, das war nur ein böser Traum. Mecki spürte Erleichterung in sich aufsteigen, er wurde von seiner Hasenfamilie umringt und bald war der Bau von fröhlichem Gelächter erfüllt.
Die Natur war erwacht, der Frühling eingekehrt und mit ihm all seine Farben und lieblichen Düfte.

@ Sonja Rabaza